URSACHEN EINER SCHWERHÖRIGKEIT
„Schwerhörigkeit tritt im Alter statistisch gehäuft auf, aber es gibt keine natürliche Altersschwerhörigkeit. Einzig die konsequente Vermeidung gehörschädigenden Lärms ist als vorbeugende Massnahme anerkannt, wenngleich die Lärmempfindlichkeit des Hörorgans genetisch determiniert und individuell unterschiedlich zu sein scheint.“ [63]
Die Bezeichnung „Altersschwerhörigkeit“ vermittelt den Eindruck, dass eine Gehörverschlechterung mit zunehmendem Lebensalter etwas Normales sei, nämlich ein physiologischer Vorgang, dem keiner entrinnen kann. Dennoch begegnet man sowohl älteren Menschen ohne Hörverlust wie auch solchen mit Hörverlust. Eine zwangsläufige Gesetzmässigkeit zwischen den Begriffen „Alter“ und „Schwerhörigkeit“ scheint nicht gegeben [64]. Auch „Lehnhardt“ unterscheidet zwischen einer Hörminderung im Alter als Folge einer Degeneration der Haarzellen allgemein und der deutlich ausgeprägteren Schwerhörigkeit, die multifaktoriell bedingt ist [65]. Bereits im „Denker-Albrecht ́schen“ Lehrbuch von 1932 wird die Auffassung vertreten, dass die Presbyakusis nicht ein durch das Alter bedingtes Krankheitsbild sei, sondern durch Stoffwechselstörungen, Gefässerkrankungen und Hormonentgleisungen hervorgerufen werde [66].
Auch gross angelegte Studien erhärten diese Aussagen: Eine amerikanische Studie [67] (n= ~200.000 Personen) zeigte die Altersverteilung der Betroffenen auf. 27% waren jünger als 45 Jahre, 30% waren zwischen 45 und 64 Jahren und 43% waren älter als 65 Jahre alt. Ähnlich fielen die Prozent-Zahlen bei einer kanadischen Studie [68] aus (n= 800 Personen). Sieben von zehn Betroffene waren unter 60 Jahre alt.
Da die Begrifflichkeit „Schwerhörigkeit im Alter“ irreführend ist, raten wir an, von einer erworbenen „Belastungsschwerhörigkeit“ zu sprechen. Die Ursachen für einen erworbenen Hörverlust sind mannigfaltig. Dabei muss das Gehör in seinen einzelnen Bestandteilen betrachtet werden. Nachfolgend sind jeweils die wichtigsten degenerativen bzw. negativen Veränderungen aufgeführt:
Äusseres Ohr
• Cerumen
• Fremdkörper im Gehörgang
• Entzündungen der Ohrmuschel und des äusseren Gehörgangs
• Tumore
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63 Zitat Dr. Hesse – Deutsches Ärzteblatt Ausgabe 41 (2005)
64 Tilman Brusis – HNO Praxis Heute 7 „Schwerhörigkeit im Alter“ (1987) 65 Ernst Lehnhardt – HNO „Zur Altersschwerhörigkeit“ (1978)
66 Tilman Brusis – HNO Praxis Heute 7 „Schwerhörigkeit im Alter“ (1987)
67 National Academy on an Aging Society – USA (1994)
68 The Canadian Hearing Society – Canada (2002)




Mittelohr
• Verletzung des Trommelfells
• akute / chronische Mittelohrentzündung
• Druckausgleichsprobleme
• Otosklerose
Innenohr
• defekte Motor- bzw. Hörzellen
• Hörsturz
• Entzündungen
Weitere Veränderungen können in den nachgeschalteten verarbeitenden Regionen auftreten (retrocochleare Hörschäden). Ein Beispiel hierfür ist die Entmyelinisierung des Hörnervs, wodurch die Fortleitungsgeschwindigkeit der Nervenimpulse und damit die Hörverarbeitung eingeschränkt wird.
Darüber hinaus können auch Stress, ototoxische Medikamente oder verschiedene Infektionskrankheiten wie z.B. Grippeotitis (Mittelohrentzündung), Mumps, Meningitis (Hirnhautentzüdung) und Borreliose Grund einer Hörmindeung sein. Auch Stoffwechselstörungen durch Schilddrüsen-, Leber-, Nierenkrankheiten oder Blutdruckstörungen und Diabetes können eine Schädigung des Gehörs bedingen. [69]
FOLGEN FÜR DIE HÖRVERARBEITUNG
Dabei wird zwischen reversiblen und irreversiblen Folgen unterschieden:
REVERSIBLE FOLGESCHÄDEN
Wird der Schall aufgrund der vorab beschriebenen Ursachen nicht mehr richtig weitergeleitet, kommt es zunächst zu einer Veränderung in der Verarbeitungskette. Das feingliedrige Nervenzellnetzwerk [Abb. 43 Vernetzung von Nervenzellen] [70] reduziert sich hin zu gröberen Strukturen [Abb. 44 Vernetzung von Nervenzellen] [71] & [Abb. 45 Vernetzung von Nervenzellen] [72].
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69 Boenninghaus & Lenarz – HNO Heilkunde 13. Auflage (2007)
70 Foto: The University of Minnesota
71 Foto: The University of Minnesota
Diese Auswirkung ist in der Regel reversibel. Ein rechtzeitig erfolgtes, bedürfnisorientiertes Gehörtraining leistet, in Kombination mit einem zielgerichteten Lautstärkeausgleich hierzu einen entscheidenden Beitrag.
Diese potentzielle Veränderung wurde in einer Studie [73] mit 477 Patienten sichtbar. Bei jedem dritten Schwerhörigen unter 60 Jahren und sogar jedem zweiten Schwerhörigen zwischen 61 und 70 Jahren wurden zusätzlich zu einer Schädigung der Haarsinneszellen degenerative Veränderungen in den zentralnervösen Strukturen der Hörbahn nachgewiesen [74].
IRREVERSIBLE FOLGESCHÄDEN
Schädigungen der Hörverarbeitung, die irreversibel sind, treten in der Regel nur bei einer langfristigen Nicht-Stimulation der Verarbeitungskette auf. Ist die Cochlea im Bereich der Hörzellen (innere Haarsinneszellen) geschädigt und fehlt aufgrund dessen die neuronale Stimulation der afferenten Nervenbahnen kommt es zu Entstehung von toten Regionen. Ist die Verbindung zwischen Ohr und Hörverarbeitung aufgrund einer solchen Schädigung unterbrochen, ist der Schaden irreversibel. In den nebenstehenden Abbildungen ist die Innervierung einer gesunden Cochlea [Abb. 47 Innervierung gesunde Cochlea (Maus)] [75] im Vergleich zu einer geschädigten Cochlea [Abb. 48 Innervierung geschädigte Cochlea (Maus)][76] dargestellt.
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72 Foto: The University of Minnesota
73 Hesse, G. – „Altershörigkeit“ Universität Witten/Herdecke (2003)
74 Hesse, G. & Laubert, A. – Deutsches Ärzteblatt „Hörminderung im Alter“ (2005)
75 Foto: Widex A/S
76 Foto: Widex A/S


GEISTIGE FITNESS
Das geistige Leistungsvermögen eines Menschen wird durch den ständigen Austausch und die Kommunikation mit der Umgebung aufrechterhalten. Hierbei sind ein gutes Gedächtnis, Geistesgegenwart, gute Kombinationsgabe und Konzentrationsfähigkeit von grosser Bedeutung.
Nicht umsonst formulierte Prof. Dr. Klaus Seifert, verstorbener 1. Vorsitzender des Deutschen Berufsverbandes der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte sehr drastisch: „Wer nichts gegen seine Hörprobleme unternimmt, riskiert seinen Verstand.“
Im Rahmen einer Hörminderung leidet die geistige Fitness, da Menschen mit einer Schwerhörigkeit vor allem in Gruppengesprächen viel mehr Konzentration benötigen, um zu verstehen, was gesagt wurde. Durch das lückenhafte Hören bleibt weniger Aufmerksamkeit für den eigentlichen Inhalt des Gespräches übrig, wichtige Gesprächsinhalte gehen oftmals verloren und können nicht im Gedächtnis behalten werden. Weiterhin leidet oftmals die Geistesgegenwart von Schwerhörigen, da sich die Betroffenen den Gesprächsinhalt wiederholt aus dem Gesamtzusammenhang erschliessen müssen. Dies führt zu einer schnelleren Ermüdung im Gespräch (Hörstress), und Missverständnisse können die Folge sein.
Dieser Umstand wurde von Prof. Dr. Hesse, Leiter der Tinnitus-Klinik Bad Arolsen folgendermassen zusammengefasst: „In der Gesellschaft werden die Anforderungen an Kommunikation und damit Hören immer grösser. Hörminderungen beeinflussen die Möglichkeiten der Menschen und ihre Fähigkeit zu umfassender Kommunikation. Schwerhörigkeit führt zu Misstrauen und häufig sozialer Isolation. Der Anspruch älterer Menschen, am sozialen Leben teilzunehmen und damit an unbeeinträchtigter Kom- munikation, steigt jedoch.“ [77]
Das Nervensystem ist veränderbar und reagiert auf Umwelteinflüsse. Zwar scheint es Unterscheidungen betreffend der Plastizität von Kindern und Erwachsenen zu geben, aber das Nervensystem behält lebenslang die Fähigkeit zur Veränderung. [78]
Die Plastizität des Gehirns zeigte eine Studie [79], bei der durch Gehörsturz geschädigte Tiere Teile ihrer Neurologie reorganisierten, indem der Tastsinn in die für das Hören verantwortlichen Hirnregionen umgeleitet wurde. Ursache dieses „Crossmodale-Plastizität-Effekts“ ist das Bestreben des Gehirns, aktiv zu bleiben. Die Forscher betonen, wie wichtig es sei, dass man nach einem Hörverlust schnell agiert.
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77 Zitat Dr. Hesse – Deutsches Ärzteblatt Ausgabe 41 (2005)
78 Dr. Kirsten Hötting – Universität Hamburg „Neuronale Plastizität“ (2012)
79 Prof. Dr. Alex Meredith – Virginia Commonwealth University School of Medicine (2009)
80 Hearing Loss and Incident Dementia, Prof. Dr. Frank R. Lin – Archives of Neurology (2011)
Laut einer amerikanischen Studie [80] der John Hopkins Universität besteht ein Zusammenhang zwischen Schwerhörigkeit und der Entwicklung von Demenz. Amerikanische Forscher beobachteten das Hörvermögen und die geistigen Fähigkeiten von über 639 Menschen zwischen 36 und 90 Jahren im Verlauf von knapp 12 Jahren. Demenzielle Anzeichen wies zu Beginn der Studie kein Proband auf. Während der Beobachtungszeit entwickelte jedoch fast jeder Zehnte (insgesamt 58 Personen) eine Demenz, überwiegend vom Typ Alzheimer (37 von 58 Personen). Die Daten-Auswertung ergab, dass die Demenzrate mit der Schwere des Hörverlustes stieg. [81]
Diese Studie zeigt, dass je mehr das Hörvermögen abnahm, desto grösser das Risiko für die Patienten war, an Demenz zu erkranken. Weitere Überlegungen der Autoren: Möglicherweise haben Hörschäden und Demenz-Erkrankungen gemeinsame Ursachen. Weiterhin könnten die kognitiven Defizite die Folge der durch Hörschäden verursachten sozialen Isolation und mangelnder externer Stimulation sein. Dabei könnte die soziale Isolation bei der Entstehung der Demenz eine Rolle spielen, da schlechtes Hören zu einer reduzierten Verständigung führen kann. Eine rechtzeitige Behandlung der hörbeeinträchtigten Patienten, zum Beispiel durch den Einsatz eines Hörgerätes, könnte helfen, den Verlust an kognitiven Fähigkeiten zu bremsen. [82]
Begriffserklärung:
Demenz beschreibt kein Krankheitsbild, sondern eine Symptomatik. Dabei werden wichtige kognitive Fähigkeiten, wie das Gedächtnis, das räumliche Orientierungsvermögen oder auch die Sprache zunehmend abgebaut. [83]
Die Alzheimer-Krankheit ist ein langsam fortschreitender Abbau der Grosshirnrinde. Fast unbemerkt sterben im Gehirn Nervenzellen und ihre Verbindungen ab. Betroffen sind zunächst jene Regionen des Gehirns, die für das Gedächtnis und andere wichtige kognitive Fähigkeiten von grosser Bedeutung sind. Zu den Symptomen von Alzheimer gehört die Demenz. [84]
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81 Deutscher Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte e.V. (www.hno- aerzte-im-netz.de)
82 Deutscher Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte e.V. (www.hno- aerzte-im-netz.de)
83 Berufsverband Deutscher Neurologen e.V. (www.neurologen-und- psychiater-im-netz.de)
84 Berufsverband Deutscher Neurologen e.V. (www.neurologen-und- psychiater-im-netz.de)